1,01% p.a.



Grexit oder Brexit – Gelder der Bundesbürger wirklich in Gefahr?

Freitag den 26.06.2015

Bei der Europa-Tagung des Internationalen Bankenverbandes IIF in Frankfurt wurde deutlich, vor was sich die europäischen Banker wirklich fürchten. Der Grexit bedroht Europa natürlich. Aber eine viel greifbarere Gefahr ginge wohl von einem Brexit aus. Dem Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Wer soll den Grexit bezahlen?

Stiege Griechenland wirklich aus der Euro-Zone aus, würde dies zu einem teuren Szenario für die anderen Staaten der Währungsunion werden. Vor allem Deutschland, das Milliarden von Euro an Hilfen in das Land gesteckt hat, wäre hart getroffen.

Viele wünschen sich einen Grexit, da Griechenland Milliarde um Milliarde schluckt. Aber sich selbst aufgrund einer desaströsen Regierung weigert, klare Linie zu beziehen, wie das ganze Geld eigentlich zurückgezahlt werden soll.

Klare Worte eines Finanz-Experten

Gegenüber dem Nachrichtensender n-tv hat sich heute Gerhard Schick, der finanzpolitische Sprecher der Bundestag-Fraktion der Grünen entsprechend deutlich geäußert. Schick: „Ein Grexit wäre extrem teuer für Deutschland, weil wir Milliarden an Krediten an Griechenland gegeben haben und wir müssen damit rechnen, dass die dann nicht zurückgezahlt werden könnten. Und für das Land würde es auch bedeuten, dass zunächst mal die wirtschaftliche und soziale Lage sich massiv verschlimmern würde.“

Der Finanz-Experte der Grünen auf n-tv weiter: „Von daher kann ich nur davor warnen, das auf die leichte Schulter zu nehmen. Und ich beobachte auch, dass diejenigen, die von einem Grexit reden, über die Kosten eines solchen Schrittes meistens beredt schweigen. Man müsste ja mal die Frage beantworten: Welche Steuerzahler in Deutschland sollen denn die Kosten für die ausgefallenen Kredite nachher tragen? Davon höre ich wenig und das zeigt, dass man hier keine ehrliche Debatte führt, wenn man so locker über einen Grexit redet. Es muss alles getan werden, um das zu vermeiden.

Rauswurf aus der Euro-Zone – gibt es nicht!

Viele würden Griechenland gerne aus der Euro-Zone rausgeworfen sehen. Die Eskapaden der Politiker das hoch verschuldeten Landes, allen voran des griechischen Finanzministers, stinkt vielen Bürgern bis zum Himmel. Aber da die Möglichkeit des Rauswurfs in den Verträgen zur Währungsunion nicht enthalten ist als Option, müssen die anderen Staaten der Euro-Zone dabei zusehen, wie Griechenland die Idee der Gemeinschaft mit den Füßen tritt.

Der Grexit kann somit nur kommen, wenn das Land aus der Euro-Zone austritt, aus eigenen Stücken. Was in wirtschaftlicher Hinsicht für Griechenland längst die bessere Lösung gewesen wäre. Was aber keine der Regierungen in Athen wirklich verstanden hat, vermutlich mangels politischer Kompetenz.

Quellen:

  • Eurostat

Finanzielles Fiasko vorprogrammiert

Ein Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone ohne vorherige Tilgung der Schulden, würde natürlich ein finanzielles Fiasko für die Kreditgeber darstellen. Ob dennoch die ganze Wirtschaft und die Finanzmärkte in Europa und weltweit zusammenbrechen würden? Dies ist eher fraglich, ist der Grexit doch nicht erst seit gestern eine drohende Gefahr. Die Märkte hatten schon lange Zeit, sich auf diesen Schritt des hoch verschuldeten Landes vorzubereiten.
Deshalb würde, trotz der oben genannten Ansage des grünen Finanz-Experten Schick, das Schicksal Griechenlands nicht den Untergang der Euro-Zone mit sich bringen. Eine Währungsunion ohne die Griechen wäre sicher stabiler, als es mit Griechenland der Fall ist.

Die wahre Gefahr ist der Brexit

Tim Adams, des Präsident des Institute of International Finance (IIF), machte auf der Europa-Tagung deutlich, dass ihm nicht der Grexit Sorge bereitet, sondern der mögliche Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Adams:  „Für mich hat das das größere Potenzial für einen Albtraum“, so Adams in Frankfurt über einen Brexit. Der Präsident des IIF weiter: „Großbritannien ist so ein wichtiger Teil der europäischen Wirtschaft und Ökosystem. Wir haben ein Jahr der Unsicherheit über uns schweben.“

Verschiedene Wirkungen der beiden Szenarien

Der Volkswirt bei der DZ Bank, Hans Jäckel, sieht zudem die verschiedenen Wirkungen, welche der Grexit und der Brexit auf Europa hätten.

Jäckel: „In einem mechanischen Sinne würde der Grexit die Funktionsweise und den Aufbau der Europäischen Union mehr stören“, als der Austritt Großbritanniens aus der EU. Doch Jäckel weiter: „Aber für den Geist und die Zukunftsperspektive und Aussagekraft der Europäischen Union, ist Brexit das größere Risiko.“

Was käme nach dem Ende des Grexit?

Das wettbewerbsfähige Europa ist in Gefahr

Während Griechenland in wirtschaftlicher Hinsicht eine eher untergeordnete Rolle spielt in Europa, sieht dies im Falle Großbritanniens ganz anders aus. Das Land ist nach wie vor eines der wichtigsten Zentren für Finanzmärkte und stellt wirtschaftlich einen wichtigen Faktor dar. Das Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens hat in den vergangenen Jahren zwar am kaufkraftbereinigten globalen BIP leicht verloren, stellt aber innerhalb der Europäischen Union immer noch eine wichtige Marke dar.

Nach Deutschland und Frankfurter hat Großbritannien zudem das drittgrößte BIP in Europa und das sechstgrößte Bruttoinlandsprodukt in der ganzen Welt. Die Stärke der britischen Wirtschaft zu verlieren, wäre für die EU ein harter Schlag.

Finanzmärkte wären hart getroffen

Die City of London stellt weltweit einen der wichtigsten Finanzmärkte dar. Durch das Prinzip des Vereinigten Königreichs nur niedrige Steuern zu verlangen und dem geringen Interesse der Gesetzgeber zur Regulierung dessen.

Würde der Europäischen Union mit dem Brexit ein wichtiger Finanzmarkt verloren gehen. Großbritanniens Abschottung könnte hier Folgen mit sich bringen, welche heute in ihrer Schärfe wahrscheinlich noch gar nicht absehbar sind.

Börsenbeben oder Börsencrash?

Bei einem Grexit würde es, aller Voraussicht nach, zu einem Beben der Aktien- und Finanzmärkte kommen. Ein wirklicher Zusammenbruch der Märkte ist jedoch wenig wahrscheinlich. Hatten Anleger und Investoren doch genügend Zeit, sich auf einen solchen Schritt vorzubereiten. Anders sehe es wohl bei einem Brexit aus. Ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union könnte nicht nur ein Beben der Märkte, sondern im schlimmsten Falle sogar einen Börsencrash zur Folge haben.

Schließlich ist London eines der wichtigsten Machtzentren der Finanzwelt, die Bedeutung der britischen Hauptstadt ist in der ganzen Welt unumstritten. Würde sich das Vereinigte Königreich von der EU abspalten, könnten die Risse in den folgenden Monaten und Jahren zu regelrechten Einstürzen führen.

Wirkliche Prognosen? Nahezu unmöglich!

Doch nun kann viel gedacht und viel vermutet werden. Da

  • ein Grexit eine erstmalige Erscheinung wäre und auch
  • der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ein historisches Ereignis darstellen würde,

kann kaum jemand voraussagen wie der Verlauf und die Konsequenzen im Ernstfall wirklich aussehen würden. Alles kann – nichts muss. Auch wir haben keine Glaskugel, in die wir schauen können. Auch wir können nur Vermutungen anstellen, was wäre wenn. Im Falle eines Grexit und/oder im Falle eines Brexit.

Das heißt: Anleger und Investoren können nur versuchen, ihr Geld jetzt richtig anzulegen. Um im Falle eines Austritts Griechenlands aus der Währungsunion oder eines Austritt Großbritanniens aus der EU, gewappnet zu sein.

Warnung vor falschen Kompromissen – Ein Volk ohne Vertrauen

Ein gutes Schlusswort zum gegenwärtigen Verlauf der Verhandlungen Griechenlands mit den Geldgebern hat Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank auf der Europa-Tagung des IIF gefunden.

Blessing warnte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters vor einem Abkommen um jeden Preis. Blessing: „Ein falscher Kompromiss, wo am Ende ein moralisches Risiko geschaffen wird, wäre für andere Länder die schlechteste Lösung.“ Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank weiter: „Die griechische Bevölkerung wählt jeden Tag aufs Neue, indem sie Geld abhebt von den Banken. Das ist natürlich nicht gerade ein Zeichen des Vertrauens in die Politik, welche die griechische Regierung verfolgt.“

Die Angst der Geldgeber vor dem Grexit

Inzwischen berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, dass das Hilfsprogramm für Griechenland auf Ende November dieses Jahres verlängert werden soll. Die Geldgeber haben damit den Schwanz eingezogen und lassen sich weiter auf die Gebaren der griechischen Regierung ein.

Ob es die Angst der Geldgeber vor dem Grexit ist oder aber die Angst vor der eigenen Courage, dieses hochverschuldete Land, das faktisch längst Pleite ist, endlich untergehen zu lassen?

Worte und nichts dahinter. Anleger und Investoren werden zunehmend immer mehr Vertrauen verlieren in Deutschland als stärkste Macht Europas sowie in die Euro-Zone und in Europa selbst. So könnten die Konsequenzen aussehen.


 
Tagesgeld_160x600