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Die unabsehbaren Folgen der Zinswende

Freitag den 16.10.2015

Die USA steht vor der Zinswende. Noch in diesem Jahr dürfte es endlich soweit sein. Bereits auf September 2015 war eine Leitzinserhöhung durch die US-Notenbank Federal Reserve erwartet worden. Doch noch zögert die Fed das Anheben des seit Jahren auf dem historischen Tief befindlichen Leitzinssatzes (0,00 – 0,25 Prozent) heraus. Ein Grund hierfür könnte sein: die Folgen der Zinswende sind nach wie vor nicht absehbar. Denn am Ende könnten diese doch schlimmer sein, als bisher gedacht.

Zinswende von der Nullzins-Politik ohne Erfahrungswerte

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, befürchtet EZB-Vizepräsident Vitor Constancio größere Auswirkungen in der ganzen Welt, als dies früher bei Zinswenden der Fall war. Dies besagt ein Teil des Manuskripts einer Rede, die Constancio gestern gehalten hat.

Darin heißt es laut Reuters, dass es zum einen »keine Erfahrungswerte mit der Abkehr von der Nullzins-Politik« gäbe. »Zum anderen habe sich die Weltwirtschaft verändert. Schwellenländer, insbesondere China, hätten an Bedeutung gewonnen.«

Zwischen den Welten – Zinswende in den USA, starres Verharren der EZB

Die USA und die Euro-Zone, zwei Welten, in vielerlei Hinsicht. Nun könnte der Graben zwischen diesen beiden Welten noch viel größer werden. Die Europäische Zentralbank erhöhte im Juli 2008 den Leitzins nochmals, die US-Notenbank hatte da bereits mehrere Zinssenkungen vorgenommen.

Zwischen dem 18. September 2007 und dem 16. Dezember 2008 hatte die Fed zehnmal den Rotstift gezogen und den Leitzins für die USA gesenkt. Schon damals ging die Schere zwischen den beiden Währungen, dem US Dollar und dem Euro, weit auseinander. Zwischen der Geldpolitik der USA und der Euro-Zone türmten sich Welten auf.

Nun könnte der umgekehrte Weg zu schweren Verwerfungen auf den weltweiten Finanzmärkten führen. Die USA steht vor dem Ende der Nullzins-Politik, in der Euro-Zone hingegen ist noch auf lange Sicht keine Zinswende zu erkennen.

Das Anleihekaufprogramm für Staatsanleihen, das in den USA massiv umgesetzt wurde, um der Wirtschaft der Vereinigten Staaten wieder auf die Beine zu helfen, wurde längst beendet. In der Euro-Zone hat ein solches Kaufprogramm für Anleihen von Euro-Staaten erst vor einigen Monaten begonnen.

Zwei Welten, die erneut auseinander driften – diesmal vielleicht noch viel stärker denn je zuvor. Diese Verwerfungen könnten, einem Erdbebengraben gleich, früher oder später zu gewaltigen Detonationen auf den Finanzmärkten führen. Dies muss nicht unmittelbar nach der Zinswende in den USA der Fall sein, sondern kann auch schleichend beginnen und in einem großen Knall enden. Niemand weiß es, da es niemals zuvor jemand erlebt hat.

EZB-Vizepräsident sieht Auswirkungen bei den Exporten

Die Geldpolitik der USA hat weltweite Auswirkungen. Dies ist bereits seit Jahrzehnten so, und dies wird sich auch bei der kommenden Zinswende zeigen. Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Vitor Constancio, sieht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge »unter anderem Auswirkungen auf die Euro-Zone über die Konkurrenzfähigkeit der Exporte«. Dies sei der Fall, wenn es durch eine Zinswende in den USA zu Veränderungen im Wechselkurs vom Euro zum US Dollar kommen würde.

Außerdem würde die Änderung der Geldpolitik der US-Notenbank auf den Finanzmärkten wahrgenommen werden, vor allem auf den Anleihemärkten in Europa. Nach Constancios Ansicht würden die Renditen von Bundesanleihen bei einer Zinswende um mehr als ein Drittel nachzeichnen. Aktuell liegen die Zinsen für deutsche Staatsanleihen bei einer Laufzeit von zehn Jahren bei rund 0,5 Prozent. Bei den fünfjährigen Anleihen liegt die Rendite hingegen derzeit im Negativen, bei -0,036 Prozent.

Wären die Änderungen wirklich so stark, wie der EZB-Vize sie für möglich hält, könnte eine Leitzinserhöhung in den USA, ohne dass die Euro-Zone bald einen ähnlichen Weg beschreitet, zu Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes führen.

Doch kommt es wirklich so schlimm?

Es ist, wie Vitor Constancio in Hongkong gesagt hat: es gibt »keine Erfahrungswerte«, wenn es um die Abkehr von der Nullzins-Politik geht. Bislang gab es diesen Fall weder in den USA noch in der Euro-Zone, da beide ihren Leitzins nie zuvor so tief gesenkt hatten. Sowohl die EZB wie auch die Fed hatten den jeweiligen Leitzins auf ein historisches Tief gesenkt.

Keiner weiß, wie schlimm es werden kann. Vielleicht wird es die weltweiten Finanzmärkte ein klein wenig durchschütteln. Vielleicht aber kommt es zu einem Börsenbeben, dessen Ausmaß sich kaum einer vorstellen kann – oder möchte.

Alles ist offen, wenn die US-Notenbank aller Voraussicht nach in diesem Jahr den Leitzins erhöht, die Europäische Zentralbank jedoch weiter an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten wird. Wie stark die Auswirkungen sein werden, wird sich möglicherweise erst im Laufe der Monate nach der erstmaligen Zinserhöhung durch die Federal Reserve zeigen.

Mehr Informationen zum Thema: »Steht in den USA die Zinswende vor der Tür?«